Stefan Meißner

Presse // Götz

NEUE WESTFÄLISCHE, 04.11.16
GÖTZ-INTERPRETATION MIT HAND UND FUß
Jörg Schulze-Neuhoff spielt im Kesselhaus Goethes Helden wenig heldenhaft, findet aber auch Ton und Figur für viele andere Personen des politisch oft missbrauchten Dramas – ein fulminanter Theaterabend.

Autor: Rolf Birkholz

götz_gütselEiserne Hand: Jörg Schulze-Neuhoff spielte in der Weberei den "Götz von Berlichingen" als Solostück. | Foto: Rolf Birkholz

Gütersloh. Es fängt mit dem Ende an. „Schließt eure Herzen sorgfältiger ab als eure Tore“, rät der geschlagene, betrogene, gefangene, zu Tode erschöpfte Ritter Götz. Er verlangt nach Wasser, spürt schon „himmlische Luft“ und stirbt mit „Freiheit, Freiheit“ auf den Lippen. Jörg Schulze-Neuhoff gab jetzt im Kesselhaus der Weberei Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen“ als Einpersonenempörung, gekürzt und ungeglättet.

In der Regie von Stefan Meißner genügen zwei Paletten und ein alter Sessel, um den roh gezimmerten Rittersitz und Götzens befestigtes Jaxthausen anzudeuten. Mit strähnigem Langhaar und Bart, im halb zerfetzten Fellmantel, mit durchdringendem Blick und zugleich wohlgesetzter Rede gibt der Bielefelder Schauspieler der legendären, teils berüchtigten, teils politisch missbrauchten Theaterfigur eine Gestalt, die Charakter zeigt und dabei immer eine Spur unterm leicht handhabbar Heldenhaften bleibt.

Doch Schulze-Neuhoff, der hier vor fünf Jahren schon mit einer Bühnenversion von Franz Kafkas „Der Bau“ gefallen hatte, damals im großen Saal, fühlt sich auch in andere Figuren des Dramas ein. Er ist der wankelmütige Weislingen, der untreu gewordene Jugendfreund, den Götz als Verbündeten wieder gewonnen wähnte und der erneut bundbrüchig wird unterm Einfluss der gefährlichen Adelheid, die einmal treffend beide zugleich verkörpert werden.

Der Mime schlüpft aber auch in die Rollen des sachlich-loyalen Sickingen, seines Sohnes sowie eines unterwürfigen Gerichtsschreibers oder von kriegstrunkenen Mordbrennern.

Götz sieht sich als freien Rittersmann, nur abhängig von Gott, dem Kaiser und sich selbst. Für ihn rangiert Gott eben über dem Bischof, der Kaiser über den Fürsten. Und er selbst über denen, die diese Ordnung nicht achten. Auch weil das auf Dauer zu viele sind, strauchelt der Ritter mit der eisernen Hand. Dabei verkauft er sich teuer. In dieser Inszenierung werden indes die ständige Kampfbereitschaft, das Gefechtsgetümmel, auch die Kriegslust durch Gymnastikübungen wie im Fitnessstudio ersetzt. Eine Götz-Interpretation mit Hand und Fuß. Wenig Publikum, viel Beifall.

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, 31.12.15
Autorin: Kathi Flau

“Götz”, ein Ein-Mann-Stück im LitteraNova. Jörg Schulze-Neuhoff spielte acht Rollen. Männer und Frauen, Herrscher und Untergebene, Verräter und Verratene. Er spielte den Kriegsherrn und gleichzeitig das Mädchen, das ihn um den Verstand bringt. Und er spielte grandios. Es war eine Inszenierung, die ich – jetzt darf ich’s sagen – für größenwahnsinnig gehalten habe. Doch Regisseur Stefan Meissner war klug genug, Schulze-Neuhoffs unfassbarer Bühnenpräsenz nur das Notwendigste an Bühne und Licht gegenüberzustellen. Ergebnis: Ein wort- und bildgewaltiges Epos, das mich sprachlos machte – für eine Rezension haben meine Worte damals gerade noch so gereicht.

WETZLARER NEUE ZEITUNG, 18.09.15
SOLO FÜR EINEN RITTER
Jörg Schulze-Neuhoff spielt Götz von Berlichingen.

Autor: Markus Fritsch

götz_wetzlarAm Ende: Götz von Berlichingen (Jörg Schulze-Neuhoff) | Foto: Markus Fritsch

Wetzlar. Aus Boxen dröhnt Rockmusik, Nebel wabert durch die KulturStation, und dann steht ein Mann mit langem, zerzaustem Haar in Kriegerpose auf einem umgekippten Sessel: Götz von Berlichingen, gespielt von Jörg Schulze-Neuhoff.

In den kommenden 80 Minuten verkörpert der Schauspieler verschiedene Personen aus Goethes Schauspiel, hauptsächlich ist er der Götz, und meistert dieses schwierige Solostück famos, zieht die Zuschauer vollends in seinen Bann.

Der fränkische Reichsritter Götz von Berlichingen wurde durch seine Rolle im Bauernkrieg am Anfang des 16. Jahrhunderts bekannt. Als Hauptfigur in Goethes Schauspiel erlangte er aber erst Berühmtheit.

Facettenreiches Schauspiel

Dieses Drama hat Regisseur Stefan Meißner auf ein Solostück heruntergekürzt. Es zeigt einen facettenreichen Götz, so dass Schulze-Neuhoff sein schauspielerisches Können ausspielen kann. Grob, wuchtig mit lauter, Respekt einflößender tiefer Stimme ist der Bielefelder Inbegriff eines unbequemen Mannes in der von Gewalt geprägten Zeit. Sein Götz ist unerbittlich und furchtlos. Und im nächsten Moment wurde er zum Söhnchen Karl, der dem Vater nicht gerecht werden kann, oder zu Götz’ Schwester Maria, die er Adelbert von Weißlingen versprach.

Schulze-Neuhoff ging in diesem vielseitigen Rollenwechsel auf, war körperlich sehr stark präsent, gestikulierte wild, seine Blicke hatten etwas von Wahnsinn.

Doch bei all der Tragik, die das Schicksal des Götz birgt, kam der Humor nicht zu kurz. So entblößte sich Schulze-Neuhoff nach der Schlacht und zeigte eine Unterhose mit Deutschlandflagge. Die Kriegsszenen glichen eher einer mit harten, schnellen Beats unterlegten Turnstunde als einem Gemetzel. Zum Schluss wurde Götz zum mordgierigen Irren. Noch einmal wird die Nebelmaschine angeworfen, zucken Blitze, das Ende des Götz naht. Schulze-Neuhoffs Bewegungen werden langsamer, Kunstblut tropft aus dem Mund und er lässt sich in den Sessel fallen auf dem er anfangs thronte. “Freiheit” ist sein letztes gehauchtes Wort. Schulze-Neuhoff veredelte mit seiner großartigen Leistung ein brillantes Stück. Anhaltender Applaus war der Lohn.

NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG, 31.08.15
„GÖTZ“ ALLEIN AUF DER BÜHNE
Gastspiel im Ersten Unordentlichen Zimmertheater Osnabrück.
Autorin: Anne Reinert

götz_nozHeld mit Schweißerhelm: Jörg Schulze-Neuhoffs „Götz“ ist ein Held, der aber auch ironisiert werden darf. | Foto: Swaantje Hehmann

OSNABRÜCK. Goethes „Götz“ als Solostück? Ein Gastspiel im Ersten Unordentlichen Zimmertheater in Osnabrück hat bewiesen, dass das mitreißend sein kann. Goethes „Götz von Berlichingen“, das ist großes Drama und große Geschichte. Es wird gekämpft, geliebt, gestorben. Daraus lässt sich aufwendiges Theater machen. Aber den Stoff als Solostück bringen? Ist das nicht wahnsinnig?

Vielleicht sind Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff und Regisseur Stefan Meißner wahnsinnig. Wir wissen es nicht. Doch was sich nach ihrem Gastspiel im Ersten Unordentlichen Zimmertheater sagen lässt: Sie haben eine wahnsinnig tolle Inszenierung aus Goethes Drama gemacht. Sie schaffen es, die mittelalterlichen Fehdekämpfe, die schon bei der Uraufführung 1774 längst Geschichte waren, im Jahr 2015 alles andere als peinlich wirken zu lassen. Schließlich geht es ihnen nicht um das Aufwärmen und Wiederbeleben von Historie. Schulze-Neuhoff und Meißner werfen vielmehr die Frage auf, was dieser „Götz“, wie sie es ganz intim nennen, mit uns heute zu tun hat.

Und so trinkt ihr Götz etwa keinen Wein, sondern Bier. Eigenes „Götz“-Dosenbier. Der Mann ist schließlich nicht irgendwer, der hat seine eigene Burg. Gekämpft wird in Plastikrüstung und mit Schweißerhelm. Es geht also nicht durch und durch bierernst zu. Doch die Ironisierung macht diesen Helden keineswegs lächerlich. Es geht groß und tragisch zu, aber manchmal eben doch mit einem Augenzwinkern. Dass das funktioniert, liegt an Jörg Schulze-Neuhoff. 14 Rollen spielt er in diesen 70 Minuten. Als Ritter Götz von Berlichingen spricht er mit tief dröhnender Stimme, die ganz weich wird, wenn er zum Widersacher Weislingen wird, dem ehemaligen Jugendfreund, der Götz verrät. Selbst Liebesszenen sind möglich. Dazu braucht es nur einen Nylonstrumpf am Bein des Schauspielers, das als theatrales pars pro toto der verführerischen Adelheid von Walldorf gestreichelt und geküsst wird.

„Schließt eure Herzen sorgfältiger als eure Tore“, lautet ein berühmtes Zitat aus diesem Sturm-und-Drang-Drama, mit dem Goethe gegen damalige Theaterkonventionen revoltierte, indem er die so streng postulierte Einheit von Zeit, Raum und Handlung verwarf. Natürlich fällt der Satz auch hier. Und ist er nicht aktueller denn je? In einer Zeit, in der sozialer Status und Geld wichtig sind? Umso schöner, dass dieser reduzierte „Götz“ besser gelungen ist als die aufwendige gescheiterte RTL-Verfilmung des letzten Jahres. Wer Goethes Helden wieder kennenlernen will, sollte sich an diese Koproduktion des Bochumer Rottstr-5-Theaters und des Dortmunder Theaters im Depot halten.

MINDENER TAGEBLATT, 31.08.15
EINBLICK IN EINE SEELE
Freiheit war sein letztes Wort: Jörg Schulze-Neuhoff brilliert in dem Ein-Personen-Stück „Götz. Ein Mann. Ein Wort.“
Autorin: Kerstin Rickert

Unerschrocken, oft gestikulierend und mit Blocken, die ihn ein Stück am Rand zum Wahnsinn zeigen: Jörg Schulze-Neuhoff. | Foto: Kerstin Rickert

Minden. Wie ein Donnerhall dröhnt laute Rockmusik aus den Boxen, Nebelschwaden rauschen von der Bühne ins Publikum. Auf einem umgedrehten alten Sessel steht er plötzlich da wie ein Fels. Ein zerrissener Pelzmantel gibt die Sicht frei auf seinen nackten Oberkörper, die Hosenbeine hängen in Fetzen hinab auf die fest geschnürten schwarzen Stiefel. Mit einem Handschuh an der Rechten ist Jörg Schulze-Neuhoff der „mit der eisernen Hand“ – in der packenden SoloInszenierung „Götz. Ein Mann. Ein Wort. Einblick in eine Seele.“

Für die nächsten 90 Minuten wird Jörg Schulze-Neuhoff auf der Bühne des Fort A zum fränkischen Reichsritter Götz von Berlichingen, der durch seine Rolle im Deutschen Bauernkrieg Anfang des 16. Jahrhunderts bekannt wurde und als Protagonist in Goethes gleichnamigem Schauspiel Berühmtheit erlangte. Und dieser, unter der Regie von Stefan Meißner inszenierte Götz in Gestalt von Schulze-Neuhoff ist einer, an dem sich das Publikum mit Freude ergötzen kann.

Zerrissener Pelzmantel gibt Blick auf nackten Oberkörper frei

Grob und wuchtig, mit lauter, Respekt einflößender, tiefer Stimme ist der Bielefelder Schauspieler Inbegriff des unbequemen Mannes in dieser von Gewalt und Aufständen geprägten Zeit des Mittelalters. Er zeigt sich unerbittlich und furchtlos, dieser Götz, ganz nach dem zu Beginn ausgerufenen Motto: „Es werden harte Zeiten. Fürsten werden ihre Schätze bieten um den Mann, den sie jetzt hassen.“ Schon im nächsten Moment wird er zum kindlichen Karl, der seinem selbstgefälligen Vater nicht gerecht werden kann. Schulze-Neuhoff ist Götz und Weislingen im Dialog um dessen Rolle in der Fehde mit dem Bischof von Bamberg, wird zu Götz’ Schwester Maria, die er Weislingen zur Frau verspricht, schlüpft mit hektischer Stimme in die Rolle von Georg, dem Buben des gestrengen Herrn. Und er breitet nicht nur die Seele des Mannes vor dem Publikum aus, der sich als Hauptfigur des Stückes immer wieder Bahn bricht, sondern entblößt gleichsam auch sich selbst.

Unerschrocken, wild gestikulierend und mit Blicken, die ihn stets ein Stück am Rand zum Wahnsinn zeigen, geht Schulze-Neuhoff vollkommen auf in jeder Figur, die er verkörpert. Die Wollust, die Götz bei Adelheid von Walldorf empfindet, ist in seinen leidenschaftlichen Worten, schnellen Bewegungen und seinem bald rasenden lustgeschwängerten Atmen zu spüren. Um gleichzeitig Adelheid als Subjekt der Begierde darzustellen, entledigt er sich erst halb, dann immer mehr der Götz’schen Kleidung und streift sich genussvoll einen schwarzen Damenstrumpf über das Bein. Grandios.

Rote Unterhose mit der Aufschrift „Deutschland“

Als Götz spricht er zu den Scheinwerfern, als stehe die Gestalt mit der aus den Boxen dröhnenden Stimme direkt über ihm: Der Kaiser hat Exekution gegen ihn verordnet, der aber sodann begnadet wird und im Rat von Heilbronn den Fehdeverzicht beeiden soll. In dem untertänigen Schreiber findet der Schauspieler ebenso eine Paraderolle wie in einer der folgenden großartigen Szenen: Außer den schwarzen Stiefeln und einer roten Unterhose mit der Aufschrift „Deutschland“ trägt Jörg Schulze-Neuhoff nichts mehr, als er zum mordhungrigen Irren wird, der sich an Feuersbrünsten und Bluttaten aufständiger Bauern ergötzt. Rockmusik ertönt, Lichtblitze durchdringen den aus einer Nebelmaschine wabernden Rauch. Götz von Berlichingens Ende naht, Schulze-Neuhoffs Bewegungen werden langsamer, seine Stimme ist bald nur noch ein Flüstern. „Freiheit“ ist sein letztes Wort – und die hat sich Schulze-Neuhoff für seinen Götz zum Glück genommen und aus Goethes Stoff ein brillantes Stück großer Kunst gemacht.

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, 24.03.15
STÄNDIG AM RAND DES WAHNSINNS
Groß, laut unvergesslich: Jörg Schulze-Neuhoff zeigt im LitteraNova einen Götz, der kein Pardon kennt.
Autorin: Kathi Flau

Der brilliante Jörg Schulze-Neuhoff verhilft seiner Figur zu atemberaubender Präsenz. | Foto: Kathi Flau

Hildesheim. Götz ist Gewalt – die der Natur, die des Mittelalters, die des Widerstands und die der Liebe. Götz ist Goethe. Und allein deshalb als Inszenierung ein Wagnis. Wer es eingeht und sogar noch dadurch steigert, dass er sich auf einen einzigen Darsteller verlässt, der kann, genau wie der Held, eigentlich nur triumphieren oder untergehen.

Denn die Geschichte der Fehde des Ritters Götz von Berlichingen mit dem Bischof von Bamberg ist keine, die sich leicht nacherzählen lässt. Am Verständnis des historischen Hintergrunds und all den Nebenhandlungen scheitern nicht nur reihenweise zur Lektüre verpflichtete Neuntklässler, auch eine jüngst ausgestrahlte RTL-Verfilmung wird nur als schlecht gespielter Trash in Erinnerung bleiben – besser allerdings, man vergisst sie.

Was Regisseur Stefan Meißner und Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff nun ein ganzes Wochenende lang auf die Bühne des LitteraNova gebracht haben, das macht aus diesem Stoff ein Ereignis, eine große, laute, unvergessliche Show. Ihr Götz ist einer, der kein Pardon kennt, der tobt und grollt und kämpft. Der brillante Schulze-Neuhoff verhilft seiner Figur zu atemberaubender Präsenz, seine Stimme und seine Blicke streifen ständig den Wahnsinn, und vor seiner Kraft hat das Publikum denselben Respekt wie Georg, Götz’ Bursche, in den sich der Bielefelder Schauspieler im nächsten Augenblick verwandelt. Nervös, geradezu unterwürfig wird er, wenn er seinem Herrn nahende Angreifer meldet.

Schulze-Neuhoff absolviert ein überaus ambitioniertes Programm. Er ist Götz und Georg, er ist von Weislingen, Maria, Elisabeth und Adelheid, er ist das kaiserliche Gesetz und die Rebellion dagegen. Wie das funktioniert? Auf drei Weisen. Erstens mit einem Schauspieler, der jede Sekunde lebt, was er darstellt: dessen Atmen schneller wird, wenn er Untergebene spielt, der plötzlich nervös blinzelt, dem seine Hände im Weg sind – und der sich im nächsten Moment ebenso glaubhaft als Herrscher aufrichtet oder als Circe verführt.

Zweitens mit einer Inszenierung, die ihre reduzierten Mittel konsequent und mit viel Ironie genau da einsetzt, wo sie gebraucht werden (ganz großartig die Szene, in der es nichts weiter als einen Damenstrumpf an Schulze-Neuhoffs Bein braucht, um die betörende Adelheid darzustellen).

Und drittens mit einem Publikum, das mit Leerstellen in der Erzählung leben kann. Das nicht am Lehrbuch klebt, das eine Geschichte nicht vorgekaut bekommen muss, um etwas damit anfangen zu können. Das sich nicht nur von Worten, sondern auch von einer Atmosphäre, von einer Andeutung oder einem Blick etwas erzählen lässt.

Dieser Götz als Bühnenstück ist groß und gut, er hat alles auf eine Karte gesetzt und gewinnt am Ende. Vor ihm möchte man sich entweder wie Georg verneigen oder ihm zuflüstern, was von Weislingen leise zu seiner Adelheid sagt: „Wenn Ihr in mein Herz sehen könntet! Ihr würdet Euer Bild darin finden.“

TRIERISCHER VOLKSFREUND, 12.03.15
GOETHES GÖTZ IM GEWÖLBE
Jörg Schulze-Neuhoff spielt in Traben-Trabach Klassiker als Ein-Mann-Stück.
Autorin: Christina Bents

Lebendig und mitreißend: Schulze-Neuhoff interpretiert die Figuren aus Goethes Götz von Berlichingen. | Foto: Christina Bents

Einen intensiven Abend, der mit wenig Kostüm, Requisite und Schauspielern auskam, erlebten die Besucher einer Aufführung im Gewölbekeller des Moselschlösschens. Denn: Jörg Schulze-Neuhoff spielte Götz von Berlichingen und 14 andere Figuren des Stücks.Traben-Trabach.

Nebel erfüllt das historische Schiefergemäuer, dazu dröhnende Musik, und auf einem umgedrehten Sessel steht der Götz von Berlichingen im Pelzmantel über dem sonst nacktem Oberkörper, einer zerrissenen Hose und Stiefeln. Dann fängt Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff an zu sprechen und die Stärke und Entschlossenheit des Ritters aus Goethes Klassiker ist zu spüren.

Im Originaltext spricht er die gesamten 80 Minuten lang. In 14 verschiedene Rollen schlüpft er in dieser Zeit. Seine Stimme, Körperhaltung und Mimik bauen eine Spannung auf, die den Besuchern eine intensive Vorstellung bietet. Der Schauspieler ist auch schon mit Klaus Kinski verglichen worden, den Schulze-Neuhoff als Künstler schätzt.

Das Stück ist, trotzdem es nur von einer Person gespielt wird und das im Original vier Stunden lang ist, nicht langatmig. Mit modernen Elementen, wie Dosenbier statt Wein, einer Plastikrüstung und Schweißermaske kombiniert mit Lichtreflexen, moderner Musik und Fitnessübungen, gibt es immer wieder Überraschungsmomente.

Dem Darsteller sehr nah

Die Handlung des Götz von Berlichingen genau zu verstehen, wird hier für Menschen, denen das Stück unbekannt ist, schwierig. Die Zerrissenheit des Götz, seine Verzweiflung, seine Zuversicht und wie die anderen Figuren zu ihm stehen, wird durch das lebendige Spiel von Schulze-Neuhoff gut herausgearbeitet. Zudem sind die Zuschauer im Keller des Moselschlösschens dem Schauspieler sehr nah. Seine durchdringenden Blicke und seine Stimmgewalt sind so für die Zuschauer noch intensiver.

Gerd Schaaf aus Wittich findet: “Es ist eine sagenhafte Leistung des Schauspielers. Die Sprünge zwischen den Figuren zu spielen ist beachtenswert. Auch die Zerrissenheit kam gut rüber.”

Jürgen Lehlbach aus Traben-Trabach meint: “Es war sehr kompakt gespielt. Auch die Wechsel von einer Person waren gelungen. Sehr beachtlich fand ich die modernen Stilmittel. Ich hab es als Antikriegsstück gesehen. Es sollte auf jeden Fall mehr Theater hier in den Räumen gezeigt werden.”

Jörg Schulze-Neuhoff hat das Stück mit Regisseur Stefan Meissner aus Bielefeld erarbeitet. Traben-Trabach kennt er sehr gut, denn er hat hier seine Jugend verbracht. Zum dritten Mal war er im Keller des Moselschlösschens als Schauspieler zu Gast. Unter anderem hat er hier schon Kafkas “Der Bau” gezeigt.

Nach dem Auftritt als Götz von Berlichingen, der mit viel Blut, Glockenklang, Wind und Musik in der Schlussszene stirbt, gibt es mit jörg Schulze-Neuhoff im Moselschlösschen wahrscheinlich ein Wiedersehen.

NEUE WESTFÄLISCHE, 25.02.15
EIN RUNDERNEUERTER GÖTZ
Jörg Schulze-Neuhoff brilliert auf ungewohnte Weise.
Autorin: Ulla Meyer

Minimalistisch: Jörg Schulze-Neuhoff bot auf der Amalthea-Bühne den Götz von Berlichingen als durchdachte One-Man-Show. | Foto: Ulla Meyer

Paderborn. Viele kennen von Goethes Götz von Berlichingen nur den berühmten bayrischen Gruß, was schade ist, denn dieses Werk hat durchaus noch andere Facetten.

Diese zeigte der Bielefelder Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff am Wochenende nachhaltig im Amalthea-Theater und verblüffte seine zahlreichen Zuschauer mit einer durchdachten One-Man-Show, die irgendwie großes Theater, Heavy Metal und ein wenig Trash vereinte.

Ein filmreifer Soundtrack erklingt, und von der Bühne dringt dichter Nebel in die Sitzreihen. Goethe hat in seinem Sturm- und Drang-Werk dem Volk aufs Maul geschaut, verzichtete revolutionär auf Verse und wohlbemessene Gesprächsführung, sondern ließ seine Protagonisten frisch von der Leber weg reden, wie eingegeben vom Augenblick.

“Wegen der tollen Sprache” hat Jörg Schulze-Neuhoff genau dieses Werk zur intensiven künstlerischen Auseinandersetzung ausgewählt, und schon die ersten Sätze saugen die Aufmerksamkeit der Zuschauer nahezu magisch auf. Schlussendlich sind es 14 (!) verschiedene Rollen, die Schulze-Neuhoff auf die kleine Bühne bringt, rasant überschlagen sich die Ereignisse, und man muss höllisch aufpassen, zwischen intrigantem Zischen, bacchantischem Feiern und infantilem Geplapper, dem komplizierten Handlungsstrang zu folgen. Der sich zum Glück oft selbst nicht so ganz ernst nimmt, denn Schulze-Neuhoffs Götz trinkt Dosenbier statt Wein aus Kelchen, macht Gymnastik wie im Fitness Studio und steht unbeholfen im Plastikpanzer.

Dass das Schlachtengetümel im aktuellen Bühnennebel verschwindet und mit dem Sound von “The Prodigy” und “Woodkid” doch wieder heranrückt, wirkt absolut authentisch. Leicht slapstickig springt der kriegsverletzte Schwager, Franz von Sickingen, ohne Gehhilfe auf einem Bein herum, und eine einzige Sexszene, angedeutet durch einen schnell übergestreiften Damenstrumpf, gerät überzeugend und trashig gleichermaßen.

Die Kostüme sind gleichermaßen minimalistisch wie fantasievoll, und die scheinwerferartig leuchten Augen von Schulze-Neuhoff strahlen von allen Seiten. Diese Inszenierung ist nicht Drama, sondern Leben, wirres, buntes und wechselvolles, sprühendes Leben, ein Werk, das schon zu Goethes Zeiten die Grenzen des gängigen Theaters sprengte. Jörg Schulze-Neuhoff und sein Regisseur Stefan Meißner knöpfen daran an, sprengen diese Grenze gleich noch einmal und zeigen einen runderneuerten Götz mit den sparsamsten Mitteln, die man sich nur vorstellen kann. Intensiver Applaus für eine intensive Leistung.

WESTFALEN BLATT, 28.10.14
GÖTZ IM NEUEM GEWAND
Jörg Schulze-Neuhoff mimt von Berlichingen: Publikum begeistert vom Theater auf der Deele.
Autorin: Daniela Dembert


Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff liebt die Zerrissenheit, spielt vielschichtige Rollen mit einer Intensität, dass man meinen könnte, dieser Mann beherberge gleich mehrere Seelen in seiner Brust. Jetzt war er in Dreyen zu Gast | Foto: Daniela Dembert

Enger. »Ich bin begeistert von dem, was dieser Mann geleistet hat.« Der Meinung Rosemarie Ebkes konnten sich die anderen Besucher des Theaters auf Hof Grabbe nur anschließen. Zu sehen gab es in Dreyen jetzt »Götz« – frei nach dem Drama von Johann Wolfgang von Goethe. Jörg Schulze-Neuhoff, der schon in der Aufführung von Kafkas »Der Bau« glänzte, mimte in dieser Einmannaufführung den Götz von Berlichingen.

Weit weg von klassischen Inszenierungen haben Schulze-Neuhoff und Regisseur Stefan Meißner ein Stück geschaffen, das fesselt. Rasant überschlagen sich die Ereignisse, der Zuschauer muss mitdenken, schnell umschalten, denn der Schauspieler steht zwar allein auf der Bühne, hat aber gleich mehrere Rollen. Ständig springt Schulze-Neuhoff zwischen intrigantem Zischen, infantilem Geplapper und heroischen Machtbekundungen hin und her, vermag jeder seiner Rollen einen eigenen Anstrich zu geben und besticht das Publikum durch Wandlungsfähigkeit und Intensität.

Über eineinhalb Stunden steht er mit sich selbst im Zwiegespräch. Eine grandiose Leistung. Nicht die Imposanz eines Freilichtspektakels mit Duzenden von Protagonisten ergreift hier die Zuschauer, es sind Minimalismus und die beinahe intime Atmosphäre der kaminbeheizten Deele. Jede Schweißperle des Mimen wird verfolgt, der Zuschauer ist hautnah dabei. Eine richtige Bühne gibt es nicht.

Laut kommt er daher, der Götz. Rastlos, immer in Fehden und Kämpfe verwickelt. Dramatisch und groß sind die Worte Goethes, eingebettet in eine Inszenierung, die sich nicht ganz ernst nimmt. »Der mit der eisernen Hand« kommt im Stroboskoplicht auf einem Schaukelpferd herbeigeritten, macht sein Work-Out aus Liegestützen und Seilchenspringen vorm Kampf. Abgerockt und trashig wird der martialische Held in die Moderne geschubst. Auf verlorenem Posten steht der Ritter in seinem Plastikpanzer. Nicht subtil, eher mit der Eisenpranke verteilt Regisseur Stefan Meißner die Elemente, die dem Stück seine heroische Färbung nehmen und es zu einem neuen, ganz eigenen Kunstwerk machen.

Götz trinkt Wein nicht aus einem Kelch, er bevorzugt Dosenbier. Statt eines glänzenden Ritterhelms gibt es eine Schweißermaske und der kriegsversehrte Schwager hat keine Gehhilfe, sondern hüpft auf einem Bein hin und her. Gepaart mit einem dröhnend lauten Soundtrack und Mengen künstlichen Nebels verschmelzen die skurrilen Einflüsse vor allem zu einem: dem Bild eines Anti-Helden, einer getriebenen Seele, deren Glanz Rost angesetzt hat.

Die kulturellen Veranstaltungen auf Hof Grabbe erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. »Ich musste leider schon telefonisch Absagen austeilen«, bedauerte Wera Kiesewalter. Diejenigen, die sich glücklich schätzten, dabei sein zu können, erwartete im Anschluss an die Aufführung wieder ein lockerer Austausch mit Schauspieler, Regisseur und Gastgebern bei Getränken und einem Mitbring-Buffett.

NEUE WESTFÄLISCHE, 27.10.14
GÖTZ' GASTSPIEL AUF DER DEELE
Goethes Schauspiel in Dreyen: Acht Rollen für einen Schauspieler.
Autorin: Alexandra Wilke

Der freie Ritter: Jörg Schulze-Neuhoff spielt "Götz" von Berlichingen sowie acht weitere Charaktere. Mit seiner One-Man-Show in einfachen Requisiten erstaunte und begeisterte er sein Publikum. | Foto: Alexandra Wilke

Enger. Hinter jedem Theaterstück steckt eine Menge Arbeit: von der Inszenierung, über das Lernen der Texte, bis hin zur konkreten Umsetzung auf der Bühne. Doch Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen“, als One-Man-Show umzusetzen, ist eine gewaltige Herausforderung. Der Dichterfürst hatte damals durch die Vielzahl der Handlungsorte und Figuren mit jeglichen Konventionen gebrochen. Regisseur Stefan Meißner und Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff nahmen sich der Aufgabe an: Sie kleckerten nicht, sondern klotzten auf der Bühne – beziehungsweise auf der Deele von Holger Grabbe – vor 40 Zuschauern mit kreativen Inszenierungsideen, Kunstblut und schauspielerischem Können.

Schon von der Straße aus winkte „Götz“ – aus Pappmasché – die Besucher mit Bart und Ritterschild heran. Über einen langen, mit Windlichtern ausgewiesenen, Weg ging es auf die Deele von Wera Kiesewalter und Holger Grabbe, wo die gewagte Inszenierung steigen sollte. Requisiten waren zwei Holzpaletten, ein alter Sessel, ein Damenstrumpf, zwei Dosen Bier und ein kleines Schaukelpferd. All das wirkte dank der schauspielerischen Präsenz von Jörg Schulze-Neuhoff und der Untermalung mit Licht-, Ton- und Nebeleffekten von Stefan Meißner.

Schulze-Neuhoff schlüpfte nur mittels Mimik, Gestik und eines Damenstrumpfs in neun unterschiedliche Charaktere, um den kämpferischen freien Ritter „Götz“ auf seinem scheinbar aussichtslosen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit, entgegen Verrat, Treuebruch und Verlogenheit zu begleiten. „So eine lange Zeit ganz alleine auf der Bühne zu stehen und ein komplettes Theaterstück rüberzubringen, ist einfach nur der absolute Wahnsinn. Schulze-Neuhoff hat unheimlich viel geleistet. Das soll ihm mal einer nachmachen“, sagte Rosemarie Ebke hellauf begeistert.

Und auch Zuschauerin Sibylle Löbbe kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: „Er hat das ganz toll transportiert. Was an diesem besonderen Veranstaltungsort einfach super ist, ist die Nähe zum Schauspieler.“

Eben dieses Wohnzimmerambiente des Theaters auf der Deele, das Holger Grabbe in Anlehnung an ein Projekt des Bielefelder Theaterlabors auf seinem Hof in regelmäßigen Abständen für die Nachbarschaftspflege arrangiert, schätzte auch der Schauspieler selbst: „Auf einer großen Bühne fühlt man sich so schnell verloren. Das hier ist viel angenehmer“, erklärte Jörg Schulze-Neuhoff.

Er hatte sich sich zusammen mit Stefan Meißner fünf Monate intensiv auf die Aufführung vorbereitet.

Schmunzelnd ergänzte er: „Und auch für die Zuschauer ist es etwas Besonderes, wenn sie den Schweiß des Schauspielers abbekommen.”

KOMPOTT, 22.10.14
HIER STEHT GÖTZ: BITTE BERÜHREN SIE DAS STANDBILD NICHT
Autor: Maximilian Blasius


Foto: Maximilian Blasius

Spartanische Kulisse, heroenpathetische Musik, viel Rauch. Schneidend grelles Licht zerteilt die Bühne. Jörg spielt mich an. Jedes Mal, wenn ich die Kamera absetze, schaut er mir in die Augen. Eine etwas zu große Geste, ein kleiner Lauf, er endet jede Szene im Standbild. Blitzlichttheater.

GÖTZ ist zu alt, er hat sich selbst eingeholt. Entweder ist er schon tot, oder er haust in seiner Niederwelt zwischen seinen eigenen Gespenstern. Durch all’ die Ritter, Fürsten und dem Bischof klagt nur noch die Sorge um den Buben Georg und sein Selbsthass hervor, zusammen mit ihm hat der die Edlen überlebt. GÖTZ ist Deutschland – ein müder, alter weißer Mann, der sich in seinen eigenen Gesten verheddert. Zu alt und zu mächtig, um zu sterben und zu allein, um zu leben. Sein leerer Blick durchfährt alles, was von ihm übrig ist. Die fadenscheinige Politik des Feudalstaates und die eigene Geschichte. Die Geschichte eines Warlords, dessen Kodex nicht mehr in die entstehende bürgerliche Gesellschaft passt.

Der geifernde Bauer stottert an seiner Unterhose manisch fummelnd: „Wir hatten keinen Führer, GÖTZ. Sei unser Hauptmann.“ Es ist ihm einerlei, Freiheit gibt es nur im Tod. Er schlachtet zu allen Seiten, weil dort die „Mordhunde“ sind, wertlose Ausgeburten niederer Bedürfnisse. Der Krieg ist Frühsport für diesen größenwahnsinnigen Trash-Soldaten, diesen Macho-Powerranger, der nur zum richtigen Soundtrack tötet. Die römische Virtus erlangt Mann sich eben nur im Feinripp.

Jörg Schulze-Neuhoff sagt auf meine Frage nach dem deutlichsten Unterschied zwischen Götz und dem Bau (dem vorherigen Stück aus dem letzten Jahr): „Beim Bau war ich nur das Tier.“ Hm, achso. Stefan Meißner Antwort fällt deutlich pressefreundlicher aus: „Es war eine Herausforderung, einen so langen und rollenreichen Abend zu einem Solostück zu kondensieren. Der Prozess war sehr experimentell, wir hatten viel Spaß bei den Proben.“

So unterschiedlich die Sprache der beiden über die gemeinsame Arbeit auch klingen mag, so meinen sie dasselbe. Das mutige Konzept des Solotheaters geht durch die beiden auf und verselbstständigt sich. Hier gibt es keine Rampe und keinen Aktionismus, es ist ein Film. Jede Handlung macht Sinn. Die Facetten Schulze-Neuhoffs Spiel bleiben durch Meißners Cinescope-Dramaturgie verständlich. Die einzelnen Rollen spielt Schulze-Neuhoff mit aufrichtiger Liebe zur Haltung und Geschwindigkeit.

Wäre GÖTZ doch nur an der Seite seiner Mitstreiter gefallen, und nur noch seine Statue und Mausoleum zu besichtigen. Denn hinter ihnen bleibt der Mensch GÖTZ im Schatten – zum Glück. Sparta liegt eben nicht in Schwaben – zum Glück. Solche Männer schafft eben nur der Krieg – zum Glück. Aber diesen Krieg gibt es ja hier nicht – zum Glück. „Dieser Deutschland ist ein Mordskerl, niemals geht er rückwärts, immer nur vorwärts.“

COOLIBRI, 19.09.14
GOETHES GÖTZ: LECK MICH!
Autor: Andreas Lammers

Der Götz. | Foto: Sabine Michalak

Wenn einer sich zu Springerstiefeln ein Springseil so um den Bauch wickelt, dass die Holzbömmel auf Höhe des Schrittes baumeln, tut er dies nicht von ungefähr. Hier steht ein Mann, soll es bedeuten. Ein Mann mit Eiern, ein freier zudem. Und wer das nicht beachtet, könne ihn – so heißts wohl in Goethens Original „im Arsche lecken.“

Aufrecht steht er eingangs da. Dem Tod geweiht, spricht er gleich den Schlussmonolog. Da ist er längst verloren, verraten und verkauft. Dem Kaiser wurd’ er ungeheuer, und Diplomatie war seine Sache nicht. Sein Bauernheer zuppelt sich suchend an der Unterhose herum, statt seinen Mann zu stehen. Die Burg aus Euro-Paletten ist gefallen, die Schlachten – Regisseur Stefan Meißner inszeniert sie als Work-out im Stroboskopgewitter, mal mit mal ohne Seilchenspringen – sind geschlagen.

Goethes „Götz von Berlichingen“ umfasst etwa so viele Personen, wie im kleinen Theater an der Rottstraße Platz finden. Das Historiendrama als Einpersonenstück aufzuführen ist ein Kraftspiel in fünf Akten. Jörg Schulze-Neuhoff aber hat tatsächlich die Resourcen, die hier erstmals bei Goethe aufgelöste Einheit von Raum und Zeit in einer Figur zusammenzuführen. Die Verräter und Ränkeschmiede, Hofdamen und Bauernpack entstehen aus Stimmen, Gesten und Haltungen, und wenn man auch nicht sämtliche Ortswechsel gleich nachvollziehen kann, zahlt sich die dramaturgische Sparmaßnahme als Konzentrat doch aus. Zwar ist Götz „kein Freund von Explikationen“, doch ist die Textmenge immer noch massiv. Schulze-Neuhoff wird zehn Minuten vor den vorgesehenen 90 Minuten fertig – Premierentaumel. Das bekannte Zitat fällt nicht. Am Schluss sitzt er da, Blut läuft ihm aus dem Mund, die Standfestigkeit der Eingangsszene erweist sich teils als Pose. Götzens aufrechte Haltung indes nicht. Starker Applaus.

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, 17.09.14
EIN WUTBÜRGER TOBT IM STROBOSKOPLICHT
Schulze-Neuhoff spielt Goethes “Götz”
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Autor: Tom Thelen

Der Götz ist wahrlich ein Ritter von trauriger Gestalt. Wenn er so dasteht mit seiner roten Unterhose mit Deutschlandfähnchen darauf, mit nacktem Oberkörper im Pelzmantel und den Knobelbechern an den Füßen. Mit dem Schauspiel „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“ von Johann Wolfgang von Goethe, Aufführungsdauer ungefähr vier Stunden, hat nicht mehr viel zu tun, was Jörg Schulze-Neuhoff in der Regie von Stefan Meißner als Monodrama in der Rottstraße abliefern. Und doch ist es kein ganz schlechter Abend.

Der Schauspieler Schulze-Neuhoff ist tatsächlich eine Schau. Vor allem, wenn er mimisch versiert Dialoge lebendig werden lässt, und selbst dann, wenn er die Pathos-Keule schwingt und die Freiheit anruft. Ein moderner Mensch wird da gezeichnet, einer der durchaus Wut, Idealismus und Intelligenz zusammenzubringen vermag im Kampf gegen die übermächtige Umwelt.

Was den „Götz“ hier in der Rottstraße aber problematisch macht, ist das schwer zu goutierende Konzentrat der Textfassung. Echte Goethe-Kenner haben keine Probleme, andere werden schlicht nicht verstehen, was da zwischen dem Ritter und den anderen Gestalten überhaupt passiert. Dafür gibt es aber viel Punk-Ästhetik im Stroboskoplicht, Nebel und Blut und gute Musik. 4 von 5 Sterne

BOCHUMER STADT- UND STUDIERENDENZEITUNG, 11.09.14
BOCHUMER THEATERHÄUSER STARTEN IN DIE NEUE SAISON
Hartes Brot und “fantastischer Schrott”.

Autor: Benjamin Trilling


Vor der Premiere des neuen Götz: Regisseur Stefan Meißner und Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff | Foto: Benjamin Trilling

Klassiker und Trash: Ab Mitte September starten die Bochumer Theater in die neue Spielzeit. Gewagt wird wenig, die meisten setzen auf klassische Werke: Mit Tschechows „Onkel Wanja“ geht es im Schauspielhaus los, das Prinz-Regent-Theater zeigt mit „Orest“ einen antiken Stoff. Das freie Theater an der Rottstraße 5 eröffnet dagegen unter anderem mit der Goethe-Adaption „Götz“ die neue Spielzeit und wartet auch mit anderen Highlights auf. Wir waren bei den Proben dabei.

Zwei Tage vor der Premiere am Sonntag steht Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff in einem abgenutzten Pelzmantel auf einem verkehrtherum gestellten Sessel. Aus der Sitzreihe ruft Regisseur Stefan Meißner: „Willst Du dann einmal für mich springen?“. Wenig später geht das Licht aus, ein pathetischer Soundtrack erklingt, von der Bühne dringt Nebel in die Sitzreihen. Dann springt Schauspieler Schulze-Neuhoff. „Hast Du super gemacht“, so Regisseur Meißner: „Einmal Applaus, bitte“. Die anwesenden MitarbeiterInnen klatschen. Die Generalprobe für die Premiere der Solo-Aufführung von Goethes Klassiker „Götz von Berlichingen“ ist gelungen. Zufrieden schlendert Regisseur Stefan Meißner zum Ausgang und mäkelt nur noch scherzhaft: „Ihr müsst hier echt mal durchlüften.“ Aber auch diese Kritik prallt bei den KollegInnen ironisch ab: „Hier muss es stinken, sonst ist es nicht mehr Rottstraße.“ Denn das Rottstr5-Theater steht auch für unangepasstes, unkonventionelles Theater, für gewagte Stücke, die oft mit geringeren Mitteln als bei den großen Schauspielhäusern produziert werden und nicht selten die Arbeit der SchauspielerInnen in den Vordergrund rücken.

Im Geist der ersten Stücke: Die Solo-Performance „Götz“

Die steht auch beim neuen Götz im Fokus – nicht zuletzt wegen Jörg Schulze-Neuhoff. Wahnsinnig intensiv ist seine Solo-Performance von Goethes Sturm&Drang-Werk, in der das komplette Personal zu einer Charakterstudie verdichtet wird, in der nicht nur die Zeit, sondern (wenn die „eiserne Hand“ als Geste der Verzweiflung und Verirrung verpufft) vor allem der Mensch aus den Fugen gerät. Das intensive Spiel merkt man ihm noch nach der Probe an, nachdem er aus dem dunklen Saal, über den regelmäßig die Züge zum Hauptbahnhof rattern, ins spätsommerliche Tageslicht vor dem Eingang an der Rottstraße tritt. Leicht muss er noch blinzeln, Schminkreste sind im Gesicht zu erkennen, das Kostüm hat er gegen ein T-Shirt ausgewechselt, wo das Cover seines letzten Solo-Stücks, die Kafka-Adaption „Der Bau“, abgebildet ist. Auch dieses Solo-Stück entstand unter der Regie von Meißner. Für „Götz“ haben sie sich schon alleine „wegen der tollen Sprache“ entschieden, wie Schulze-Neuhoff sagt. „Das Stück wird aber auch so gut wie gar nicht gespielt“, fügt Regisseur Meißner hinzu, „weil es auch von den Nazis sehr vereinnahmt wurde.“ So waren beide motiviert, „den Götz mal ins Kleine zu holen.“ Entstanden ist eine Charakterstudie über einen „Typen, der aus der Zeit gefallen ist.“

Premieren und alte Erfolge

Wenn der „Götz“ Premiere feiert, führt er die Tradition von unkonventionellen, spannenden, manchmal trashigen Stücken an der Rottstraße fort – eben „fantastischer Schrott“, wie man es dort selbstbewusst bezeichnet. Aber auch die alten Publikumserfolge wie „Werther“, „Nero“ oder „Batman hält die Welt in Atem“ stehen im neuen Programm.

Die anderen Theaterhäuser werben mit Filmadaptionen, bewährten Klassikern, antiken Stoffen und lassen daneben das Shakespeare-Jahr ausklingen.

Sonntagsnachrichten Herne, 09.09.14
ROTTSTR5THEATER BOCHUM
“Götz” als Monodram am Premierenabend gefeiert.

Autor: Pitt Herrmann

Ein Mann, ein Wort: Frei nach Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel “Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand” hat Stefan Meißner am Bochumer Rottstr5Theater “Götz” als Monodram mit dem Schauspieler Jörg Schulze-Neuhoff inszeniert. Die Premiere in Bochum ist knapp unter Ovationsstärke gefeiert worden, im koproduzierenden Dortmunder Theater im Depot folgt die erste Aufführung am 4. Oktober 2014 um 20 Uhr.

In ihrer ersten gemeinsamen Produktion Kafka//Der Bau, mit der sie im Rottstr5Theater debütierten und drei Jahre durch die Spielstätten zogen, machten sich Stefan Meißner und Jörg Schulze-Neuhoff aus Bielefeld daran, mit wenigsten Mitteln die relativ unbekannte, unvollendete letzte Erzählung Kafkas auf die Bühne zu bringen, unbeirrt von dem, was es an Interpretationen gab und unbeeindruckt von der Arbeitsweise anderer. Entstanden ist eine Inszenierung, in dem tiefe Einblicke in die Seele einer gequälten Kreatur sichtbar und spürbar wurden. “Götz” ist nun die zweite Eigenproduktion der beiden.

Zur Rezeptionsgeschichte von Goethes Frühwerk gehört, dass dieses von der Propagandamaschinerie des Dritten Reichs vereinnahmt und missbraucht wurde – zweifellos ein Grund, weshalb es in aktuellen Theaterspielplänen nur äußerst selten auftaucht. Zuletzt war der “Urgötz” vor knapp 25 Jahren am Schauspiel Essen zu sehen als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen. Lediglich in Jagsthausen, auf der Freilichtbühne der Burg derer von Berlichingen, wird der “Götz” regelmäßig mit großem Aufwand samt Pferden und Reitern aufgeführt.

Intention der Neuinszenierung Stefan Meißners ist es, dem Publikum “Einblick in Seele, Leben und Denken eines Individuums, das mit seiner Umwelt in Konflikt steht und das aus seiner Zeit gefallen scheint” zu geben. Dabei soll Götzens “Forderung nach Selbstbestimmung und somit nach persönlicher Freiheit” im Mittelpunkt stehen – und eine solche ist immer aktuell, kann also gar nicht aus der Zeit fallen wie etwa Helm und Harnisch, auf die der Regisseur als sein eigener Bühnenbildner nicht verzichten mag.

Die notwendige Precis-Fassung, vier Stunden “Götz” sind in der Tat höchstens in Eventform open air in Jagsthausen zumutbar, müsste freilich mit der Charakterisierung des Titelhelden beginnen. Was schwierig ist, wenn die bei Goethe quasi als Prolog stehende Aussage Martin Luthers, der den Ritter als zweiten Robin Hood dafür lobt, dass er den Reichen nimmt und den Armen gibt, dem Rotstift zum Opfer gefallen ist.

Auch sonst wird der Rottstr5Theater-Besucher allein gelassen: Worin liegt die Ursache der Dauerfehde Götzens mit dem Bamberger Kirchenfürsten, wenn doch beide sich als kaisertreu verstehen? Was führt dazu, dass der Kaiser, der bisher immer seine schützende Hand über Götz gehalten hat, diese plötzlich zurückzieht, ja den Ritter zum Freiwild erklärt, auf dass er vom “Bamberger” verfolgt und festgesetzt werden kann? Von Überfällen auf Kaufleute, die gut bestückt von der Frankfurter Messe zurückkehren, jedenfalls kein Wort. Was ist das überhaupt für ein Ritter von der merkwürdigen Gestalt, der mit nacktem Oberkörper unter dickem Pelzmantel, tarnfarbener Militärhose und martialischen Knobelbechern allmählich hinter dichten Theaternebel-Schwaden auftaucht? Der sich in lächerlichen Posen auf einem umgestürzten Sessel gefällt, bevor er unter Stroboskop-Blitzen wie ein Fantasy-Quichotte mangamäßig gegen unsichtbare Windmühlen ficht? Der später die Hose fallen lässt bis auf ein knallrotes Sport-Unterteil mit Deutschlandfähnchen, sich erst den Astralkörper mit “Götz”-Sportgel befeuchtet und dann die Kehle mit “Götz”-Dosenbier?

Wenig Licht, viel Schatten: Jörg Schulze-Neuhoff schlüpft in unzählige Rollen, bewältigt ein enormes Textkonvolut, ist Götz und Georg und Weislingen in einem, aber auch Elisabeth, Maria und Adelheid – und ganz wundervoll Götzens kleines Söhnchen Carl. Er duckt sich hinter zwei Europaletten, als die Kaiserlichen vor der Burg Jaxthausen stehen und fummelt dauernd an seinem Gemächt, wenn er einen der aufständischen Bauern gibt. Am Ende, nach achtzig Minuten, spuckt er Blut. Wars das? Das wars. Seiner Schwester Elisabeths letzte Worte sind gestrichen: “Die Welt ist ein Gefängnis.”